Wenn nichts Neues viel Neues bringt

"Es gibt nichts Neues unter der Sonne, es ist alles schon einmal dagewesen". War wohl früher einmal so. Aber heute? Das hängt davon ab, was man als neu betrachtet und empfindet und was nicht. Wir reden manchmal von den guten alten Zeiten. Damals, als man sich noch nicht laufend an Neues hätte gewöhnen müssen. Je nach Alter sind das die achtziger, die siebziger, die sechziger oder die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Oder noch vorher oder gar im vorletzten Jahrhundert.

Schauen wir aber die guten alten Zeiten etwas genauer an, dann merken wir, dass schon in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts laufend davon gesprochen wurde, es ändere alles so schnell, und immer komme etwas neues. Und jene, die die beiden Weltkriege und die Krise in den Dreissigerjahren erlebten hatten waren mit Neuem vollauf eingedeckt. Und erst jene, die den grossen Sprung in die Industrialisierung erlebten, da wurden den Menschen Umstellungen bezüglich Arbeit und Familienleben aufgezwungen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Ists also gar nicht so neu das Neue? Man muss vermutlich etwas unterscheiden. Die Technik, z.B. die Mikroelektronik, hat viel Neues mitgebracht, die Gen- und Biotechnologie tut dies auch und wird's weiterhin tun.

Wenig Neues ist nach meiner Ansicht beim Verhalten der Menschen zu melden. Sie haben so ihre Vorlieben, denen sie, ungeachtet aller Neuheiten in Technik und Wissenschaft, treu bleiben. Und manchmal ist -scheinbar paradox - gerade dieser Mangel an Neuem im Verhalten der Anlass, warum alle unter Neuem leiden. Wenn eine Firmenleitung mit dem Lauf der Dinge nicht mehr zufrieden ist und hat inhaltlich keine Idee, dann reorganisiert sie (soll allerdings auch in der Verwaltung vorkommen). Sie richtet neu aus, verschlankt, fokussiert und was der Schlagworte sonst noch sind, das macht sich immer gut und tönt dynamisch. Für viele bringt das viel Neues, manchmal überall nur beim Firmenresultat nicht. Oder der Verwaltungsrat wechselt den Firmenchef aus. Statt Ideen einen neuen Kopf. Bringt auch immer Leben in die Bude, er oder - sehr selten - sie müssen dann ja zeigen, was sie können. Wiederum, das bringt ganz schön viel Neues für die Mitarbeitenden und oft, nicht immer auf ihren Wunsch, für die Kundinnen und Kunden.

Aber was steckt dahinter? Ist es neu, dass die Menschen statt Probleme zu lösen oder Konflikte beim Namen zu nennen und sie dann auszutragen diesen lieber ausweichen und etwas auf unverfänglicherer Ebene anzetteln (Reorganisation) oder einen Sündenbock suchen? Das ist nicht nur nicht neu, sondern uralt.

In den Neunzigerjahren gab es etwas scheinbar wirklich Neues. Einige sehr reiche Leute fanden, dass die Eigenkapitalrenditen vieler Firmen zu tief seien. Plötzlich forderten sie Renditen in der Grössenordnung, die über den Sätzen lagen, welche noch kurz zuvor bei den Zinsen als Wucher galten. Firmen mit einstelligen Renditen galten plötzlich als Sanierungsfälle. Das war schon neu. Aber dahinter steckt etwas Uraltes, nämlich Gier nach Geld, Unersättlichkeit, Masslosigkeit. Etwas nun wirklich nicht sehr neues in der Menschheitsgeschichte. Aber selbstverständlich hatte dieser neue Anspruch der Leute, die Geld haben, für viele Firmen grosse Folgen. Neutral ausgedrückt, es brachte ihnen, ihren Leitungen und ihren Mitarbeitenden viel Neues. Und in diesem Zusammenhang wurde selbst in der nicht gerade neuerungssüchtigen NZZ ein neues Wort eingeführt. Sie begann im Laufe der Neunzigerjahren im diesem Zusammenhang von Gier zu sprechen und verwendet das Wort seither regelmässig, wahrhaft etwas Neues für diese Zeitung.  

Gibt's jetzt etwas Neues unter der Sonne oder war eben doch schon alles einmal da. Es hängt von der Sichtweise ab. Geht man von den Grundanlagen und dem Grundverhalten der Menschen und ihrem Verhalten aus, so geschehen Veränderungen so langsam, dass sich auch die Langsamsten locker daran gewöhnen können. Das, was aber so vielen so viel Neues beschert ist oft darin begründet, dass es beim Verhalten der Menschen so wenig Neues zu vermelden gibt. 

Mai 2004 / Ruedi Winkler