Die Andern

Am Morgen des 20.9.2000 im Radio die Meldung, dass über der zweitgrössten Stadt Frankreichs ein Unwetter hinweg gegangen sei, wie dies Marseille noch nie gesehen habe. Am Vortag die Schlagzeile des Blick-Aushangs: «Sulzer: 14'600 Büezer zu verkaufen». Am gleichen Tag war der Umwelt-, Entwicklungs- und Innenminister von Tuvalu bei Bundesrat Deiss auf Besuch in Sachen Umweltschutz und Kampf gegen die Klimaveränderungen. Tuvalu, ein Land mit 26 Quadratkilometer Fläche und 12'000 EinwohnerInnen, droht wegen der globalen Klimaerwärmung vom Meer überflutet zu werden. 

Unternehmenszweige, die bei Sulzer bleiben wollen, müssen laut NZZ eine operative Marge (Betriebsgewinn vor Goodwill-Abschreibungen) von mindestens 15 Prozent und ein Wachstum von mindestens 5 Prozent erreichen. In der Medizinaltechnik mindestens eine operative Marge von 24 Prozent. Das sind für Industriebereiche stolze Werte, denen dann entsprechend viele der bisherigen Sulzerbereiche zum Opfer fallen. Bereiche, in denen 14'600 Menschen beschäftigt sind, die nun einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Die Prozentsätze sind gegenüber früher gewaltig gestiegen, heute aber nicht ungewöhnlich. Und sie werden weiter steigen, nicht nur bei Sulzer.

Frappant ist die Rolle, die sowohl bei Sulzer - und in der Wirtschaft allgemein - wie bei der Klimaerwärmung «die Andern» spielen. Die einschneidenden Massnahmen bei Sulzer sind nötig, weil «die Andern» stärker am Markt sind, weil man gegenüber «den Andern» wettbewerbsfähig bleiben muss oder weil man hofft, mit solchen Massnahmen eine dominante Stellung im Markt gegenüber «den Andern» zu erreichen. Massnahmen für den Kampf gegen die Klimaerwärmung treffen alle nur, wenn «die Andern» auch etwas unternehmen. «Die Andern» sind immer alle, ausser die gerade Angesprochenen selbst. Seien das Einzelpersonen, Unternehmen, Staaten oder Kontinente, alle können nicht oder müssen, wegen «den Andern». 

Wegen «den Andern» sind wir alle zu getriebenen Objekten geworden, die ManagerInnen wie die Angestellten und ArbeiterInnen. Immer mehr Menschen in immer mehr Gegenden spüren, dass das Klima verrückt spielt, immer mehr Firmen werden noch höhere Renditen erzielen, noch schneller wachsen müssen und damit die Lebenszyklen der Produktionsmittel noch mehr verkürzen und den Druck auf die Arbeitenden zum Umlernen noch mehr verstärken. Nicht dass alle das wollen, aber «die Andern» machen das auch und wenn man es nicht macht, ist man weg vom Fenster. 

Wegen «den Andern» kommen nur noch wenige zum Nachdenken ob das alles eigentlich Sinn macht und wo diese ständige Beschleunigung hinführt und was mit dem Klima geschieht. Und denjenigen, die sich Zeit zum Nachdenken nehmen, wird gesagt, das bringe wenig, denn wegen «den Andern» habe man gar keine Wahl. 

Wegen «den Andern» kann der Mensch als Subjekt mit eigenem Willen und der Fähigkeit, willentlich Einfluss auf sein Schicksal zu nehmen, bald abdanken. Nicht dass er das möchte, aber «die Andern» lassen ihm keine Wahl. Zwar besteht kein Zweifel, dass «die Andern» den eigenen Willen ebenso als wichtiges Merkmal des Menschen betrachten. Aber wegen «den Andern» kann man das halt nicht nutzen, sondern ist gezwungen, das zu tun, was diese uns aufzwingen und anderes nicht zu machen, weil sie es auch nicht machen. Wenn dann die Küsten und einzelne Länder «der Andern» überschwemmt werden und der Grossteil «der Andern» vom Tempo und Gehetze verrückt geworden ist, können wir wenigstens sagen, sofern wir dazu noch in der Lage sind, dass wir das immer gesagt hätten. Wären «die Andern» endlich vernünftig geworden, dann wäre das nicht passiert.